Zum Inhalt springen
Karriere

Industrieversicherung als Arbeitsmarkt: warum sie ein eigener Markt ist

Industrieversicherung ist nicht einfach großes Kompositgeschäft. Ein gesetzlicher Schwellenwert, verhandelte Bedingungen und geteilte Risiken machen daraus einen eigenen Arbeitsmarkt mit eigenen Rollen und eigenem Zugang.

4 Min. Lesezeit von Steven Schulz

Die Industrieversicherung wird häufig als der obere Rand des Kompositgeschäfts beschrieben. Das ist irreführend. Sie ist ein eigener Markt mit eigenen Regeln, eigenen Rollen und eigenen Zugangswegen, und der Übergang dorthin ist für viele der größte fachliche Schritt ihrer Laufbahn.

Der Unterschied steht im Gesetz

§ 210 Absatz 1 VVG bestimmt, dass die Beschränkungen der Vertragsfreiheit nach dem Versicherungsvertragsgesetz auf Großrisiken nicht anzuwenden sind. Absatz 2 sagt, wann ein solches Großrisiko vorliegt: unter anderem bei Sach-, Haftpflicht- und Schadensversicherungen, wenn der Versicherungsnehmer mindestens zwei von drei Schwellenwerten überschreitet – 6.600.000 Euro Bilanzsumme, 13.600.000 Euro Nettoumsatzerlöse und 250 Arbeitnehmer im Jahresdurchschnitt. Bei Transport-, Kredit- und bestimmten Haftpflichtsparten gilt die Großrisikoeigenschaft ohne Schwelle; gehört das Unternehmen zu einem Konzern, sind die Konzernzahlen maßgeblich.

Aus diesem einen Satz folgt fast alles, was den Arbeitsmarkt prägt. Wo die Schutzvorschriften des Vertragsrechts nicht zwingend gelten, wird verhandelt: über Deckungsumfang, Ausschlüsse, Obliegenheiten, Fristen, Verfahren. Verträge entstehen nicht aus einem Bedingungswerk, sondern aus einer Verhandlung zwischen Fachleuten.

Was daraus für die Arbeit folgt

Jeder Vertrag ist ein Einzelstück. Es gibt keinen Tarif, in den ein Risiko eingeordnet wird. Preis und Bedingungen entstehen aus Risikoinformationen, Schadenhistorie, Marktlage und Verhandlung.

Das Risiko wird geteilt. Einzelne Risiken übersteigen die Kapazität eines Hauses. Sie werden über Mitversicherung auf mehrere Versicherer verteilt, über Rückversicherung weitergegeben oder über Programme strukturiert. Ein führender Versicherer koordiniert.

Die Gegenseite ist professionell. Auf der anderen Seite sitzen Industriemakler und die Versicherungsabteilungen großer Unternehmen – Menschen, die dasselbe können wie Sie und häufig dieselbe Ausbildung haben. Was das für die Wahl des Arbeitgebers bedeutet, steht in Erstversicherer, Makler und Industriemakler als Arbeitgeber.

Es wird international gearbeitet. Mehrländerprogramme, ausländische Tochtergesellschaften, lokale Policen, englische Vertragssprache. Das ist kein Zusatz, sondern Alltag.

Die Rollen dieses Marktes

Im Underwriting wird ein einzelnes Risiko über Wochen bearbeitet statt in Stunden. Die Entscheidung stützt sich auf Besichtigungsberichte, technische Gutachten, Schadenverläufe über zehn Jahre und die Beurteilung des Risikomanagements beim Kunden.

Im Risk Engineering arbeiten Ingenieure, die Anlagen besichtigen, Brandschutz und Betriebsabläufe beurteilen und Auflagen formulieren. Diese Rolle gibt es im Massengeschäft nicht; mehr dazu in Technische Versicherungen als Fachgebiet.

Im Claims Management wird ein Großschaden über Monate geführt – siehe Claims Management im Industriegeschäft.

In der Programmverwaltung wird organisiert, was ein internationales Programm zusammenhält: lokale Policen, Steuern, Abrechnungen, Nachweise. Eine unterschätzte Rolle mit gutem Zugang für Menschen aus der Bestandsbearbeitung.

Warum der Einstieg schwer und der Ausstieg leicht ist

Industrieversicherer stellen selten Berufsanfänger ein. Der Grund ist nicht Hochmut, sondern Schadenhöhe: Eine Fehleinschätzung kostet hier ein Vielfaches dessen, was sie im Massengeschäft kostet, und die Einarbeitung dauert Jahre.

Der übliche Weg führt deshalb über das gewerbliche Geschäft. Wer dort mit wachsender Vollmacht gezeichnet oder reguliert hat, bringt die Systematik mit; ergänzt werden Verhandlungsführung, Vertragsgestaltung und der Umgang mit geteilten Risiken.

Umgekehrt ist die Erfahrung aus diesem Markt an vielen Stellen verwertbar: bei Industriemaklern, in den Versicherungsabteilungen großer Unternehmen, bei Rückversicherern und in der Beratung. Wer fünf Jahre Industriegeschäft gemacht hat, hat einen Arbeitsmarkt, der größer ist als sein bisheriger Arbeitgeber.

Ein Zwischenschritt wird dabei regelmäßig übersehen: die Versicherungsabteilung eines großen Unternehmens. Dort wird dasselbe Geschäft von der Kundenseite betrieben – Risiken werden erfasst, Deckungskonzepte beurteilt, Ausschreibungen begleitet, Schäden gemeldet und verfolgt. Wer von dort auf die Versichererseite wechselt, bringt eine Sicht mit, die im Haus sonst niemand hat, und umgekehrt öffnet Erfahrung aus dem Industriegeschäft genau diese Stellen. Ausgeschrieben werden sie selten auf Versicherungsportalen, sondern beim Unternehmen selbst, und die Bezeichnungen lauten dort Risikomanager, Versicherungsreferent oder Insurance Manager. Wer in diesem Markt arbeiten will, sollte diese Seite von Anfang an mitverfolgen.

Was die Arbeit verlangt

Nicht mehr Fachwissen als anderswo, aber anderes. Drei Dinge fallen Wechslern regelmäßig schwer.

Die Unbestimmtheit: Es gibt keine Tabelle, in der die richtige Antwort steht. Jede Entscheidung ist begründet und angreifbar.

Die Verhandlungsdauer: Ein Vertrag kann über Monate verhandelt werden, mit mehreren Runden, Zwischenständen und Beteiligten. Wer Abschlüsse braucht, um zufrieden zu sein, findet sie hier selten.

Die Abhängigkeit vom Marktzyklus: In Phasen, in denen Kapazität knapp ist, lassen sich Bedingungen und Preise durchsetzen; in Phasen mit viel Kapazität nicht. Das ist keine Frage der eigenen Leistung, und es aushalten zu können, gehört zum Beruf.

Woran Sie eine Anzeige aus diesem Markt erkennen

An drei Merkmalen: Es ist von Mehrländer- oder internationalen Programmen die Rede; es werden Kenntnisse in Mitversicherung, Führung oder Vertragsgestaltung verlangt; und die Sparten sind eng und technisch benannt. Wo stattdessen von Beständen und Bearbeitungszahlen die Rede ist, handelt es sich um gewerbliches Geschäft – eine gute Stelle, aber ein anderer Markt. Was ihn ausmacht, steht in Komposit als Arbeitsfeld.

Wenden Sie das direkt an: Im Stellenmarkt stehen die offenen Stellen dieses Berufs, und zu jedem Beruf finden Sie die Aufgaben und die üblichen Gehälter daneben.

Weiterlesen

Alle Artikel

Stellenangebote Versicherungswesen verwendet nur die Cookies, die für den Betrieb der Seite nötig sind. Kein Tracking, keine Werbenetzwerke, keine Auswertung Ihres Verhaltens. Einzelheiten stehen in der Datenschutzerklärung.

Datenschutz