Die Rückversicherung wird häufiger gesucht als sie Stellen ausschreibt. Das liegt nicht an Abschottung, sondern an der Größe des Marktes: Es gibt wenige Unternehmen, und ihre Fachbereiche sind klein.
Wer hinein will, sollte deshalb nicht auf Ausschreibungen warten, sondern die drei Zugänge kennen, über die tatsächlich eingestellt wird.
Erster Zugang: der akademische Einstieg
Rückversicherer stellen Absolventen ein, und zwar gezielt quantitativ. Gefragt sind Mathematik, Wirtschaftsmathematik, Statistik, Physik, Geowissenschaften mit quantitativem Schwerpunkt und Wirtschaftswissenschaften mit starkem Methodenanteil.
Die Einstiegsstellen liegen im Pricing, in der Naturgefahrenmodellierung, in der Portfolioanalyse oder in einem Traineeprogramm. Der Grund für diesen Zuschnitt ist fachlich: Wer über Bestände entscheidet, die er nicht im Einzelnen kennt, arbeitet mit Modellen, und diese Modelle muss jemand bauen und beurteilen.
Wer diesen Weg gehen will, sollte früh an Werkstudenten- und Praktikumsstellen denken. In einem kleinen Markt ist die interne Empfehlung das wirksamste Auswahlverfahren. Wie das im aktuariellen Bereich aussieht, steht in Der Einstieg ins Aktuariat.
Zweiter Zugang: aus dem Erstversicherungsgeschäft
Der häufigste Weg für Berufserfahrene. Wer im gewerblichen oder industriellen Underwriting gezeichnet oder Großschäden geführt hat, bringt genau das mit, was ein Rückversicherer beurteilen muss: wie ein Erstversicherer arbeitet.
Besonders gesucht sind zwei Profile. Erstens Menschen aus Spezialsparten, in denen der Rückversicherer selbst Fachwissen aufbauen muss. Zweitens Menschen aus dem Schadenbereich, weil die Beurteilung fremder Reserven eine der schwierigeren Aufgaben ist – siehe Claims Management im Industriegeschäft.
Dritter Zugang: über den Makler oder die Beratung
Rückversicherungsmakler vermitteln zwischen Zedenten und Rückversicherern und beschäftigen dieselben Fachprofile. Wer dort arbeitet, lernt beide Seiten kennen und wechselt später häufig auf die Risikoträgerseite.
Gleiches gilt für aktuarielle Beratungshäuser, die Rückversicherungsstrukturen für Erstversicherer rechnen. Auch das ist ein anschlussfähiger Ausgangspunkt.
Was tatsächlich verlangt wird
Vier Dinge, und sie stehen in dieser Reihenfolge in den Anforderungsprofilen.
Quantitative Fähigkeit. Nicht unbedingt ein Mathematikstudium, aber die Fähigkeit, mit Verteilungen, Wahrscheinlichkeiten und Modellergebnissen umzugehen und deren Grenzen zu benennen.
Englisch als Arbeitssprache. Verträge, Korrespondenz, Verhandlungen, Besprechungen. Wer das nicht sicher beherrscht, wird die Stelle nicht bekommen, unabhängig von der fachlichen Eignung.
Bereitschaft zu reisen. Die Erneuerungsrunde wird persönlich verhandelt, und die Zedenten sitzen verstreut.
Urteilsfähigkeit unter Unsicherheit. Der Kern der Arbeit. In Gesprächen wird darauf regelmäßig abgezielt.
Nicht verlangt wird dagegen, was viele Bewerber vermuten: eine abgeschlossene aktuarielle Ausbildung. Sie ist für Rollen in der Preisfindung hilfreich und wird häufig unterstützt, steht aber selten als Voraussetzung im Profil. Ebenso wenig wird Vorerfahrung in der Rückversicherung verlangt – sie wäre in einem Markt dieser Größe auch schwer zu finden.
Was in die Bewerbung gehört
Bei Berufserfahrenen: konkrete Angaben zum bisherigen Portfolio. Welche Sparten, welche Vollmachtsgrenzen, welche Schadengrößenordnungen, welche Zeichnungsverantwortung. Allgemeine Beschreibungen von Aufgaben sind in diesem Markt wertlos, weil die Leser das Geschäft kennen.
Bei Absolventen: der methodische Teil des Studiums mit Namen, die Abschlussarbeit mit Fragestellung und Verfahren, und alles, was Arbeit mit echten Daten belegt. Eine Programmiersprache, die tatsächlich benutzt wurde, ist mehr wert als drei, die im Lebenslauf stehen.
In beiden Fällen gehört ein Satz dazu, der erklärt, warum es die Rückversicherung sein soll und nicht der Erstversicherer. Wer darauf keine Antwort hat, wirkt wie jemand, der sich überall bewirbt.
Worauf die Gespräche hinauslaufen
Auf Urteilsfähigkeit. Eine typische Übung: Sie bekommen die Eckdaten eines Portfolios – Prämienvolumen, Schadenverlauf über einige Jahre, Angaben zur Zeichnungspolitik – und sollen sagen, was Ihnen auffällt und was Sie zusätzlich wissen wollten.
Erwartet wird kein Preis. Erwartet wird, dass Sie benennen, welche Angaben fehlen, welche Sie für unplausibel halten und welche Annahme Sie treffen würden, wenn Sie die Lücke nicht schließen können. Dieselbe Haltung, die im Underwriting geprüft wird – wie das dort aussieht, steht in Das Fachgespräch im Underwriting.
Was Sie realistisch einplanen sollten
Eine längere Suche als in anderen Fachrollen. Es gibt Monate, in denen keine passende Stelle ausgeschrieben ist, und das ist kein Signal über Sie.
Nutzen Sie die Zeit für Sichtbarkeit im Fach. Die Berufsvereinigungen und Fachverbände der Branche veranstalten Tagungen und Arbeitskreise, in denen dieselben Menschen sitzen, die später über Ihre Bewerbung entscheiden. In einem Markt mit wenigen Häusern ist das kein Zusatz, sondern der übliche Weg, auf dem Stellen besetzt werden, bevor sie ausgeschrieben sind. Wer einen fachlichen Beitrag leisten kann – einen Vortrag, eine Auswertung, die Mitarbeit in einem Arbeitskreis –, wird dort bekannt, ohne sich bewerben zu müssen; für Absolventen ist der Zugang über die Hochschule leichter als später.
Bauen Sie deshalb parallel Anschlussfähigkeit auf: in einer Spezialsparte, in der aktuariellen Methodik oder in der Großschadenbearbeitung. Wer eines dieser Gebiete beherrscht, wird angesprochen, sobald eine Stelle frei wird – und in einem Markt dieser Größe ist das der übliche Weg. Welche angrenzenden Felder ebenfalls infrage kommen, steht in Aktuare außerhalb des Versicherers.
Wenden Sie das direkt an: Im Stellenmarkt stehen die offenen Stellen dieses Berufs, und zu jedem Beruf finden Sie die Aufgaben und die üblichen Gehälter daneben.