Underwriter entscheiden über die Annahme von Risiken und über den Preis. Das ist die Kurzbeschreibung des Berufs und sagt wenig darüber, wie ein Arbeitstag aussieht. Er besteht überwiegend aus drei Dingen: aus Vorgängen im Posteingang, aus Terminen, die der Kalender des Marktes vorgibt, und aus Gesprächen mit Menschen, die etwas anderes wollen als man selbst.
Der Posteingang bestimmt den Vormittag
Ein Underwriter im Firmen- oder Industriegeschäft bekommt Anfragen, keine Anträge. Eine Anfrage besteht aus einer Risikobeschreibung, einer Schadenhistorie unterschiedlicher Qualität, einem Wunschdeckungskonzept und häufig einer Frist. Der erste Arbeitsschritt ist deshalb nicht die Bewertung, sondern die Vollständigkeitsprüfung: Was fehlt, was widerspricht sich, was wurde bewusst weggelassen.
Ein erheblicher Teil der Arbeitszeit geht für Nachfragen drauf, und die Qualität eines Underwriters zeigt sich auch daran, welche er stellt. Wer alles nachfragt, verliert den Fall an einen Wettbewerber, der schneller war. Wer zu wenig nachfragt, zeichnet ein Risiko, das er nicht kennt.
Im Privat- und Kleingewerbegeschäft sieht der Vormittag anders aus. Dort läuft die Masse automatisiert durch, und auf dem Schreibtisch landet nur, was das System ausgesteuert hat: Abweichungen vom Tarif, Vorschäden, ungewöhnliche Merkmale. Die Arbeit ist dadurch nicht einfacher, sondern gefilterter – jeder Vorgang ist ein Sonderfall.
Die Vollmacht entscheidet, was Sie selbst abschließen
Jede Zeichnungsbefugnis hat Grenzen: nach Versicherungssumme, nach Sparte, nach Gefahr, nach zulässiger Abweichung vom Bedingungswerk, nach Rabatthöhe. Was darüber hinausgeht, geht an die nächste Stufe – im Sprachgebrauch der Häuser ein Referral.
Für den Arbeitstag bedeutet das: Ein Teil Ihrer Fälle ist nach Ihrer Entscheidung noch nicht fertig, sondern wartet auf jemand anderen. Wer im Underwriting neu ist, unterschätzt regelmäßig, wie viel Arbeit darin steckt, eine Entscheidung für einen Dritten aufzubereiten. Was diese Vollmachten rechtlich bedeuten und wofür Sie persönlich einstehen, steht in Vollmacht und Haftung in Fachrollen.
Der Jahresverlauf hat eine Hauptsaison
Ein großer Teil der gewerblichen und industriellen Verträge läuft zum Jahreswechsel aus. Die Monate davor sind die Erneuerungssaison: Bestandsverträge werden neu verhandelt, Konditionen angepasst, Ausschreibungen beantwortet. In dieser Zeit liegen die Anfragen dicht, die Fristen sind kurz, und Entscheidungen fallen unter Zeitdruck.
Danach kommt die ruhigere Phase, in der gemacht wird, wofür vorher keine Zeit war: Portfolioanalysen, Zeichnungsrichtlinien überarbeiten, Schadenverläufe auswerten, Maklerbeziehungen pflegen. Wer sich für diesen Beruf interessiert, sollte wissen, dass die Belastung über das Jahr sehr ungleich verteilt ist.
Mit wem gesprochen wird
Underwriting ist deutlich kommunikativer, als der Name vermuten lässt. Vier Gesprächspartner kommen regelmäßig vor.
Der Makler bringt das Geschäft und vertritt den Kunden. Er will Deckung, Preis und Schnelligkeit; Sie wollen Informationen und eine saubere Risikobeschreibung. Dieses Verhältnis ist dauerhaft und muss auch eine Absage überstehen. Wie es von der anderen Seite aussieht, steht in Maklerbetreuung beim Versicherer.
Der Vertrieb des eigenen Hauses hat Ziele, die Ihren nicht immer entsprechen. Eine Zeichnungsentscheidung gegen den Vertrieb muss begründbar sein, und zwar mit dem Portfolio und nicht mit dem Gefühl.
Der Risikoingenieur oder Sachverständige liefert die technische Einschätzung, in den technischen und industriellen Sparten oft die entscheidende. Ihn zu lesen und die richtigen Fragen zurückzustellen, ist eine erlernbare Fähigkeit. Mehr dazu in Technische Versicherungen als Fachgebiet.
Die Rückversicherung kommt ins Spiel, wenn das Risiko die eigene Zeichnungskapazität übersteigt oder unter einen bestehenden Vertrag fällt. In diesen Fällen entscheidet nicht nur das eigene Haus.
Die Dokumentation ist Teil der Entscheidung
Eine Zeichnungsentscheidung, deren Begründung nicht aufgeschrieben ist, existiert für die spätere Prüfung nicht. Das ist keine Formalie: Wenn der Vertrag drei Jahre später zum Großschaden führt, wird nachvollzogen, was zum Zeitpunkt der Zeichnung bekannt war und welche Annahme getroffen wurde.
Deshalb gehört zu jedem Fall ein Vermerk, der die Grundlagen, die Abweichungen und die Auflagen festhält. Underwriter, die das als Bürokratie abtun, fallen spätestens in der ersten internen Revision auf.
Was den Beruf anstrengend macht
Nicht die Mathematik. Anstrengend ist, dass die Rückmeldung fehlt: Eine gute Zeichnungsentscheidung sieht jahrelang aus wie eine schlechte, weil kein Schaden eintritt, und eine schlechte sieht lange aus wie eine gute. Es gibt keinen Tag, an dem Ihnen jemand bestätigt, dass Sie richtig entschieden haben.
Wer eine Arbeit mit sichtbarem Ergebnis sucht, wird damit nicht glücklich. Wer Freude daran hat, eine Regel über viele Fälle durchzuhalten und ein Portfolio über Jahre zu formen, findet hier eine der eigenständigsten Rollen der Branche. Wie man hineinkommt, steht in Der Weg ins Underwriting.
Wenden Sie das direkt an: Im Stellenmarkt stehen die offenen Stellen dieses Berufs, und zu jedem Beruf finden Sie die Aufgaben und die üblichen Gehälter daneben.